Ölpumpe, CC0 (Pixabay by werner22brigitte)

Wirtschaft: Sind Daten das Öl des 21. Jahrhunderts?

Die Wirtschaft des 20. Jahrhunderts basierte auf fossilen Rohstoffen. Wird die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts vor allem auf Daten basieren? Haben Daten vielleicht schon jetzt das Öl als wichtigsten Grundstoff der Wirtschaft abgelöst?

Blick zurück: Das 20. Jahrhundert, ein Jahrhundert des Öls

Im 20. Jahrhundert wurde die Industrie durch Energie angetrieben, die man aus fossilen Brennstoffen gewann: Zunächst verbrannte man Kohle (seltener Holz), um Dampfmaschinen, Dampfloks und Dampfschiffe anzutreiben. Dann verbrannte man Kohle um Elektrizität zu gewinnen und mit Hilfe von Elektromotoren allerlei Maschinen anzutreiben. So basierte ein Großteil der Wirtschaft direkt oder indirekt auf fossilen Brennstoffen. Auch der gesellschaftliche Wohlstand wurde im Wesentlichen auf dieser Grundlage erwirtschaftet. 1983, im Jahr meiner Geburt, waren in der führenden Wirtschaftsnation USA sechs der zehn größten Unternehmen in der Ölbranche tätig. Drei weitere Konzerne produzierten Autos und Chemieprodukte. Sie waren somit ebenfalls auf Erdöl angewiesen. Die einzige Firma in den Top 10, die schon damals ihr Geld mit Informationstechnologie verdiente war IBM:

Die umsatzstärksten Firmen der USA im Jahr 1983

PlatzNameBranche
1ExxonÖl
2General MotorsAutos
3MobilÖl
4TexacoÖl
5Ford MotorAutos
6IBMInformationstechnologie
7ChevronTexacoÖl
8DuPontChemie
9Gulf OilÖl
10AmocoÖl
Quelle: Fortune

21. Jahrhundert: fossil oder digital?

Wie verhält es sich im 21. Jahrhundert? Sind „Daten“ bereits der neue Grundstoff unserer Wirtschaft? Oder ist das noch Zukunftsmusik? Oder gar ein Hirngespinst? Überprüfen wir das wiederum am Beispiel der USA:

Die Umsatzzahlen sprechen für die klassischen Industrien

Der Umsatz  ist ein guter [simple_tooltip content=’eine Messgröße, die die Wirklichkeit so vereinfacht, dass sie sich leichter verstehen, vergleichen und messen lässt‘]Indikator [/simple_tooltip]für die Wichtigkeit von Firmen und Branchen. Er ist auch ein Indikator der den technologischen Wandel in der Wirtschaft recht schnell widerspiegeln sollte. Denn auch junge Firmen können vergleichsweise schnell großen Umsatz erzielen. Vorausgesetzt, ihre Produkte kommen bei den Käufer*innen gut an.

Mich persönlich hat der Vergleich der umsatzstärksten US-Unternehmen  zwischen 1983 und 2016 überrascht. Denn anders, als es der Hype um Google&Co. erwarten ließe, hat sich an der Dominanz der „klassischen“ Branchen kaum etwas geändert. Nach wie vor befindet sich nur ein echtes IT-Unternehmen in den Top10. Während 1983 IBM auf Platz 6 stand, ist es heute Apple auf Platz 3 (IBM findet sich hingegen nur noch auf Platz 20):

Die umsatzstärksten Firmen der USA im Jahr 2016

PlatzNameBranche
1Wal-MartHandel
2ExxonMobilÖl und Gas
3AppleInformationstechnologie
4Berkshire HathawayMischkonzern (Finanz, Energie, Handel u.a.)
5McKessonPharma
6Phillips 66Öl und Gas
7General MotorsAutos
8General ElectricMischkonzern (Öl und Gas, Energie, Finanz u.a.)
9Ford Motor CompanyAutos
10CVS HealthHandel
Quelle: Wikipedia

Zwar ist das Bild vielfältiger geworden und Unternehmen aus weiteren (Dienstleistungs-)Branchen wie Handel und Finanzen haben den Sprung an die Spitze geschafft. Aber Firmen, die ihr Geld direkt (Öl- und Gas) oder indirekt (Automobile) mit fossilen Brennstoffen verdienen sind nach wie vor dominant. Von einer Dominanz des IT-Sektors kann jedenfalls keine Rede sein. Insgesamt steht es aber damit 1:0 für die klassischen, „fossilen“ Branchen.

Der Marktwert spricht für die digitalen Newcomer

Ganz anders sehen das offensichtlich die Börsen und die Kapitalanleger*innen. Nimmt man den im Aktienhandel bestimmten Marktwert als Indikator, dominiert plötzlich die IT-Branche. Vier der zehn wertvollsten Unternehmen der USA  verdienen ihr Geld hauptsächlich mit Informationstechnlogie.Dazu gehören auch die drei aktuell wertvollsten Unternehmen der USA (und der Welt), Apple, Google/Alphabet und Microsoft:

Die wertvollsten US-Unternehmen 2016 (Börsenwert)

RangNameBranche
1AppleInformationstechnologie
2Alphabet (Google)Informationstechnologie
3MicrosoftInformationstechnologie
4Exxon MobilÖl und Gas
5Berkshire HathawayMischkonzern (Finanz, Energie, Handel u.a.)
6FacebookInformationstechnologie
7Johnson & JohnsonPharma, Medizin
8General Electric Mischkonzern (Öl und Gas, Energie, Finanz u.a.)
9Amazon(Online-)Handel
10Wells FargoFinanz
Quelle: Wikipedia (Stand 28.04.2016)

Erstmals schaffte an die Spitze schaffte es ein IT-Unternehmen übrigens erst ganz am Ende des 20. Jahrhunderts: 1999 wurde Microsoft das wertvollste der Welt. Den Vergleich des Börsenwertes gewinnt also ganz klar die IT-Branche. Damit steht es  1:1.

Blick in die Unternehmen: Auch klassische Branchen digitalisieren sich

Navigationssysteme sind nur ein kleiner Teil der digitalen Technik, die heute in Automobilen verbaut ist. <small><a href="https://pixabay.com/en/car-driving-route-interior-1281640/">Photo</a> by Pixabay | CC0</small>
Navigationssysteme sind nur ein kleiner Teil der digitalen Technik, die heute in Automobilen verbaut ist. Photo by Pixabay | CC0

Der reine Branchenvergleich „fossil vs. digital“ ist allerdings sehr grobkörnig. Nicht vergessen sollte man, dass sich auch die „klassischen“ Branchen des 20. Jahrhunderts digitalisieren und teilweise bereits digitalisiert haben. Das zieht sich durch alle Bereiche:

  • Öl- und Gasbohrungen werden heute in der Regel erst begonnen, nachdem die Wahrscheinlichkeit eines Treffers anhand komplexer Computermodelle, die mit allerlei Daten (bekannte Gesteinsschichten, Klima etc.) gefüttert werden, errechnet wurde.
  • Automobile stecken heutzutage voller Technik: Vom Navigationssystem über ABS bis hin zu Einparkhilfen & Co.
  • Pharma und Medizin setzen zunehmend auf IT. Hautärzte kontrollieren Leberflecke & Co. inzwischen oft nicht mehr mit dem Auge oder der Lupe, sondern „screenen“ und speichern sie digital. Zahnärzte scannen Zahnlöcher mit 3D-Scannern und fertigen mit Hilfe von Software Computermodelle, die dann von Fräsmaschinen oder 3D-Druckern in passende Inlays verwandelt werden. Chirurgen operieren immer öfter am Bildschirm, und so weiter..
  • Die Rüstungsindustrie kämpft heute zwar immer noch mit Soldaten, aber viel stärker als früher mit Informationstechnologie: Satellitenaufklärung und ferngesteuerte Drohnen sind hier nur zwei Beispiele.
  • Und selbst der öffentliche Sektor versucht sich zu digitalisieren. Auch wenn Open Government und Open Data noch in den Kinderschuhen stecken, kann man mit Verwaltung und Behörden heute meistens auch elektronisch kommunizieren. Steuererklärungen gibt man beispielsweise elektronisch ab. Und mit viel Glück kann man Termine beim Bürgeramt online buchen.

Da inzwischen auch alle klassischen Branchen auf die eine oder andere Weise auch mit digitalen Daten arbeiten, steht es hiermit 1:2 für die These vom digitalen Jahrhundert.

Nicht alles wird digital

Bei aller Euphorie für den Wandel und das Neue sollte man aber die Beharrungskräfte und die Langlebigkeit etablierter Strukturen nie unterschätzen. Dazu gehört die digitale Kluft, die ich bereits in einem vorherigen Artikel beschrieben habe. Sie bedeutet, dass große Teile der Welt und damit auch der Weltwirtschaft bisher kaum am digitalen Wandel teilnehmen. Armut in vielen Ländern bedeutet auch Technologiearmut. Als Folge wird dann beispielsweise in der Landwirtschaft und im Handwerk weitgehend traditionell und ohne IT gearbeitet. Doch auch in Deutschland scheint mir gerade das Handwerk noch sehr klassisch zu arbeiten. Die Maler und Dachdecker, die bei mir aktuell zu Gange sind, haben zumindest kaum sichtbare Digitaltechnik dabei, sondern Pinsel, Hammer und viel Muskelkraft. Auch wenn es in der Entwicklung von Lacken und Farben ständig Fortschritte gibt streichen sich Hauswände bisher nicht digital.

Handwerkliches Arbeiten wird voraussichtlich auch in der digitalen Welt Bestand haben. <small>Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/24836433@N00/34583850" target="_blank">Cappellmeister</a> <a title="Attribution License" href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank" rel="nofollow"><img src="http://digitalhammer.net/wp/wp-content/plugins/wp-inject/images/cc.png" /></a></small>
Handwerkliches Arbeiten wird voraussichtlich auch in der digitalen Welt Bestand haben. Foto: Cappellmeister

Ebensowenig lassen sich bestimmte Grundindustrien wie die Nahrungsmittelindustrie vollständig digitalisieren. Ich sehe zumindest nicht, dass Lieferdienste wie  Lieferando & Co. in absehbarer Zukunft große Einzelhandelsketten wie Walmart oder Edeka ersetzen könnten. Von Restaurants ganz zu schweigen. Die Menschen werden weiterhin „analog“ essen.

Zueltzt vielleicht noch ein Blick auf die Wirtschaftspolitik. Auch diese ist weit davon entfernt, ausschließlich auf die digitale Welt zu setzen. Aus unterschiedlichen Gründen werden in vielen Ländern unproduktive „alten“ Industrien weiter subventioniert. Im Zweifelsfall wird eher in klassischen Straßenbau und Subventionen für die etablierten Firmen mit vielen Arbeitnehmer*innen und über lange Zeit aufgebauten Netzwerken in die Politik investiert als in IT-Startups.

Dank der Beharrungskraft der analogen Welt endet dieser kleine Vergleich also mit einem 2:2, Gleichstand.

Fazit

Es ist unverkennbar, dass Daten für die Wirtschaft des Jahres 2016 ein weitaus wichtigerer Grundstoff sind als im Jahr 1983. Die Digitalisierung hat jedoch nicht in allen Branchen und Erdteilen gleichermaßen Einzug gehalten. An den Börsen haben IT-Unternehmen die „fossilen“ Unternehmen des 20. Jahrhunderts inzwischen überholt. Dies ist aber vor allem eine Wette auf die Zukunft. In der Gegenwart kann man aktuell noch nicht davon sprechen, dass „Daten“ als Grundstoff der Wirtschaft wichtiger sind als Öl. Nach wie vor werden die größten Umsätze in den klassischen Branchen erzielt. Hier arbeiten auch weiterhin die meisten Menschen. Auch die Wirtschaftspolitik ist weit davon entfernt, alleine auf IT zu setzen.  Man sollte daher vorsichtig damit sein, beispielsweise dem Automobilsektor vorschnell das Totenglöcklchen zu läuten.

Dr. Klaus Neumann ist Historiker in Berlin und Autor des Blogs DigitalHammer.net. Er interessiert sich besonders für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Arbeitswelt. Er hat unter anderem Bücher zur Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland (2013) und zur „Freiheit am Arbeitsplatz“ (2015) veröffentlicht.

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