Schulkinder in der Ersten und Dritten Welt

Wikipedia: Freies Wissen, wirklich für alle?

Freies Wissen, für alle und weltweit zugänglich. Das war eine der großen Utopien, mit denen das world wide web in den Achtziger und Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts startete. Warum kann Wikipedia dieses Versprechen nicht einlösen?

Die Wikipedia: freies Wissen weltweit?

By Wikimedia Foundation (Wikimedia Foundation) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Die Wikipedia: ein einzigartiges Projekt für freies Wissen, aber mit SchattenseitenBy Wikimedia Foundation (Wikimedia Foundation) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Eines gleich vorweg: Wikipedia ist für mich einer der wertvollsten Teile des www. Ein wahres Mega-Projekt, die mit Abstand größte und auch qualitativ beste Enzyklopädie, die jemals geschaffen wurde. Das alles entstand mit etwas Technik, Spenden und kooperativer ehrenamtlicher Arbeit von unzähligen Menschen. Und dann muss man als Nutzer nicht einmal etwas für die Benutzung dieses gigantischen Wissensspeichers zahlen. Kurz, es gibt einige gute Gründe dafür,  die Wikipedia bereits jetzt als Weltkulturerbe zu betrachten.

Aber gerade weil sie zum Besten gehört, das das freie Internet bisher hervorgebracht hat, lohnt es sich , das Versprechen vom freien Wissen für alle an ihrem Beispiel zu überprüfen.Wo also liegen die Probleme der Wikipedia?

Problem Nummer 1: Die Sprachen

Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die aktuell (April 2016) in 292 Sprachen angeboten wird. Das ist sehr gut. Schlecht ist, dass die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia schon rein quantitativ einen völlig unterschiedlichen Umfang haben. Wenn Wikipedia wirklich das „Wissen der Welt“ speichert, warum sollte man dann in einer Sprache deutlich mehr über die Welt erfahren können als in einer anderen?  In der Praxis bedeutet das nichts anderes, als dass auch Wikipedia die weltweit vorhandene Ungleichheit reproduziert. Hast Du beispielsweise das „Glück“, als einer der 6 Millionen finnisch sprechenden Menschen geboren zu werden, findest Du auf Wikipedia  knapp 400.000 Artikel in Deiner eigenen Sprache. Hast Du hingegen das „Pech“, einer der 220 Millionen bengalisch sprechenden Menschen zu sein, findest Du gerade einmal 40.000 Artikel in Deiner Sprache. Sprichst Du Hausa oder Igbo als „Muttersprache“ (beide Sprachen haben immerhin rund 30 bzw. 20 Millionen native speakers), schmilzt Dein „Wissensangebot“ auf Wikiepdia auf weniger als 2.000 Artikel in Deiner Sprache zusammen.

Besonders deutlich wird das Missverhältnis wenn man die Zahl der Artikel, die Wikipedia in einer bestimmten Sprache anbietet mit der Zahl der native speakers der jeweiligen Sprache ins Verhältnis setzt. Dann sieht man, dass man als Schwede oder Deutsche deutlich bessere Chancen haben wird, in der Wikipedia einen interessanten Artikel in der eigenen Sprache zu finden, als als Igbo oder Hausa sprechender Nigerianer, oder als Punjabi sprechende Inderin:

<span xmlns:dct="http://purl.org/dc/terms/" href="http://purl.org/dc/dcmitype/StillImage" property="dct:title" rel="dct:type">Vergleich Anzahl Wikipedia-Artikel / native speakers</span> von <a xmlns:cc="http://creativecommons.org/ns#" href="Digitalhammer.net" property="cc:attributionName" rel="cc:attributionURL">K. Neumann</a> ist lizenziert unter einer <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz</a>.
Welche Muttersprache Du sprichst ist entscheidend dafür, wieviel freies Wissen Dir auf Wikipedia zugänglich ist. Das Angebot in Hausa und Igbo ist bezogen auf die Anzahl der native speakers mickrig. Das Angebot in Finnisch und Schwedisch hingegen so groß, dass es den Rahmen dieser Grafik sprengte. Image by DigitalHammer.net | CC BY-SA 4.0.

Englisch als „lingua franca“ der Welt?!

Man könnte jetzt einwenden, dass doch alle auf die englische Version der Wikipedia zurückgreifen können, wenn kein Artikel in der eigenen Muttersprache existiert. Schließlich ist doch das Englische die selbst ernannte „lingua franca“, die Verkehrssprache der Welt. Das Problem dabei ist, dass selbst das Englische bei weitem keine weltumfassende Sprache ist. Je nachdem, welches Sprachniveau man als ausreichend ansieht, sprechen auf der Welt ein paar hundert Millionen bis maximal 1,5 Milliarden Menschen Englisch. Anders gesagt: Auch die englische Wikipedia wird nur von sieben bis zwanzig Prozent der Weltbevölkerung verstanden.

Problem Nummer 2: Die Wikipedia, ein Projekt weißer Nerds?

Klingone als typisch nerdiger Wikipedianer?
Der typische Wikipedia-Autor ist meist  jung, männlich, weiß, und Nerd, bisweilen aber auch Klingone. Foto: Nederland in foto’s

Das zweite Argument das dagegen spricht, dass Wikipedia wirklich das „Wissen der Welt“ sammeln kann, ist ebenfalls mit Ungleichheit verknüpft. Denn auch wenn in der Theorie jeder Mensch Beiträge bei Wikipedia einstellen kann, ist der typische Wikipedia-Autor in vor allem:jung, männlich, weiß und Nerd. Darüber, dass das von 2003 bis 2010 benutzte, offizielle Wikipedia-Logo ein Schriftzeichen in „Klingonisch“ enthielt, kann man noch schmunzeln. 2010 wurde es denn auch gegen ein äthiopisches Schriftzeichen ersetzt. Aber wenn die schwedischsprachige Wikipedia, immerhin die aktuell zweitgrößte der Wikipedia-Versionen, rund 150 Artikel über Figuren aus J. R. R. Tolkiens fiktiver Welt „Mittelerde“ enthält, aber nur zehn über wichtige Personen im Vietnam Krieg, dann wird das Problem deutlich. Weitere solcher Beispiele könnten wir sicher leicht finden.

In einigen, vor allem größeren Artikeln versucht die Wikipedia dieser inhaltlichen Einseitigkeit entgegenzuwirken. Beispielsweise indem auch wissenschaftliche Minderheitenmeinungen und Sichtweisen, die nicht dem hegemonialen westlichen Mainstream entsprechen dargestellt werden. So wird im Artikel über die „Entdeckung“ Amerikas darauf hingewiesen, dass dieser Begriff eine sehr europäische Sicht auf einen Kontinent beschreibt, der bereits 10.000 Jahre vor Kolumbus von Menschen besiedelt worden war. Aber dass in der Wikipedia westliche (Pop-)Kultur und Geschichte in allen Details dargestellt wird, während wesentliche Teile der nicht-westlichen Gegenwart und Vergangenheit kaum oder gar nicht behandelt werden, lässt sich glaube ich nicht bestreiten.

Der Nerd als Problem, der Nerd als Lösung?

Sverker Johannson By Lsj (Own work) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Sverker Johannson hat mit einem Bot über 3 Millionen Wikipedia-Artikel verfasst, unter anderem über philippinische Dörfer. von Lsj (Eigenes Werk) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
Einen sehr interessanten und angemessen nerdigen Versuch, dieses Missverhältnis zumindest stellenweise zu beheben hat der  schwedische Physiker Sverker Johansson unternommen, indem er einen Bot programmierte, der Daten aus öffentlich zugänglichen Datenbanken übernimmt und so täglich bis zu 10.000 Artikel bei Wikipedia erstellt. Auf diese Weise hat Johanssons Bot bereits über 3 Millionen Mini-Artikel auf Schwedisch sowie in den auf den Philippinen gesprochenen Sprachen Cebuano und Wáray-Wáray erstellt. Inhaltlich bedient sich der Bot dabei beispielsweise aus einer Datenbank, die alle bekannten Lebewesen erfasst. Aber der Bot generiert auch massenweise Artikel über Städte und Dörfer auf den Philippinen, die den meisten von uns völlig unbekannt sein dürften und die ohne diesen Bot wohl kaum in der schwedischen Wikipedia gelandet wären. Interessant ist Johanssons Motivation, die er wie folgt angibt:

er wolle mit seinem LSJbot dazu beitragen, eine „absolute Demokratie“ im Internet zu schaffen. Dazu gehöre, dass jeder Informationen über alles im Netz finden können solle. Es störe ihn, dass viele Artikel von männlichen, weißen „Nerds“ verfasst würden, was zu einer Fokussierung auf bestimmte Themen und damit zu einer Unausgewogenheit führe.Quelle

Hier hat er meines Erachtens durchaus einen Punkt gemacht. Wenn der Bot Artikel für alle bekannten Tierarten anlegt, spielt es keine Rolle mehr, ob eine Tierart beispielsweise in Europa vorkommt oder ob es eine Gruppe von Züchtern oder Fans gibt, die Artikel zu bestimmten Tierarten anlegen (Hunde, Katzen), während andere, weniger hippe Tierarten (Kröten?) vernachlässigt bleiben. Aber ob Bots auch für komplexere Themen wie Geschichte oder Kultur eine Lösung sein können?

Lösung nur duch Überwindung der „digitalen Kluft“

Das Grundproblem scheint die „digitale Kluft“ auf der Welt zu sein. Kurz gesagt besteht diese darin, dass der Zugang zu Informationstechnologie, zu (schnellem) Internet und auch zu Bildung inklusive der Medienkompetenz auf der Welt ähnlich ungleich verteilt sind wie der globale Reichtum. In den armen Ländern haben heute nur rund ein Drittel der Menschen Zugang zum Internet, in den Industrienationen sind es über achtzig Prozent. Es sieht ganz danach aus, als könne auch die Wikipedia diese Kluft nicht überwinden: Wer in Armut lebt, nur wenige Jahre Schulbildung genossen hat, oder keinen Computer besitzt, wird in aller Regel nicht in der Wikipedia lesen oder gar schreiben. Freies Wissen hängt von materiellen Voraussetzungen ab, die für viele Menschen weltweit nicht gegeben sind.

Ein Beispiel dafür, dass auch Wikipedia, die digitale Kluft nicht überwinden wird, ist die Verbreitung von Wikimedia e. V. Das ist der  Verein, der durch Öffentlichkeitsarbeit & Co. die Vertbreitung der Wikipedia und des freien Wissens fördern soll:

Karte der Verbreitung von Wikimedia
Länder in denen Wikimedia e. V. organisiert ist: Der Großteil der Welt ist leider nicht dabei.  (die USA haben als Stammland der Wikimedia eine eigene Organisation) von Cary Bass (self, based on Image:BlankMap-World6.svg) [Public domain], via Wikimedia Commons
 Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man sich ansieht, wo auf der Welt die Wikipedia am meisten genutzt wird: Am stärksten in Europa, der USA und Australien und mittelmäßig in „Schwellenländern“ wie China. Wesentliche Teile der Weltbevölkerung sind hingegen nicht dabei:

Häufigkeit und Verteilung des Speicherns von Wikipedia-Dateien
Häufigkeit und Verteilung des Speicherns von Wikipedia-Dateien (2013): Teile der Weltbevölkerung liegen „im Dunkeln“  By Denny Vrandecic and Lydia Pintscher [CC0], via Wikimedia Commons

Fazit

Die Wikipedia ist ein tolles Projekt zur Förderung des freien Wissens. Den Anspruch, das „Wissen der Welt“ dokumentieren oder weltweit freies Wissen fördern zu können, kann sie aufgrund der digitalen Kluft aber bisher nicht einlösen.

Dr. Klaus Neumann ist Historiker in Berlin und Autor des Blogs DigitalHammer.net. Er interessiert sich besonders für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Arbeitswelt. Er hat unter anderem Bücher zur Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland (2013) und zur „Freiheit am Arbeitsplatz“ (2015) veröffentlicht.

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2 Kommentare auf "Wikipedia: Freies Wissen, wirklich für alle?"

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[…] etablierter Strukturen nie unterschätzen. Dazu gehört die digitale Kluft, die ich bereits in einem vorherigen Artikel beschrieben habe. Sie bedeutet, dass große Teile der Welt und damit auch der Weltwirtschaft bisher kaum am […]

Luise
Gast

Sehr interessanter Beitrag, vielen Dank! Gerade weil „freie Enzyklopädie“ so sehr nach Demokratie und Gleichheit klingt erscheint es mir wichtig zu verstehen, dass die Möglichkeiten, sich überhaupt Wissen aneignen zu können, sehr ungleich verteilt sind.

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