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SPIEGEL zum Trotz: Fortschritt macht nicht arbeitslos.

Als Historiker hat man manchmal einen Vorteil: Man kann sich an Dinge erinnern, die geschehen sind, bevor man geboren wurde. Als ich vor Kurzem das Titelbild des SPIEGELS zum Thema „Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen“ sah, war es wieder einmal so weit. Thema und Titelbild kamen mir seltsam bekannt vor…

Unkenrufe 2016: „Roboter und Computer machen uns arbeitlos!“

Aber von vorn: DER SPIEGEL macht in seiner neuesten Ausgabe 36/2016 mit dem Thema „Mensch gegen Maschine“ auf.

In der Einleitung des Leitartikels heißt es ziemlich martialisch:

 

Der Angriff der Roboter gefährdet die Existenz der Mittelschicht: Bedroht sind nicht mehr nur Tätigkeiten in der Werkhalle, jetzt trifft die Digitalisierung auch qualifizierte Kräfte in Büros, Kanzleien und Praxen. Welche Jobs werden überleben?

 

Auch das Titelbild ist sehr eindrucksvoll: Ein Mann wird von einem Roboter-Arm in die Luft gehoben und offenbar von seinem Büro-Arbeitsplatz „entfernt“:

Titelbild DER SPIEGEL 36 / 2016: "Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen"
Titelbild DER SPIEGEL 36 / 2016: „Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen“

 

Story und Titelbild erinnerten mich sofort an eine SPIEGEL-Ausgabe aus dem Jahr 1978, die ich vor einigen Jahren in meinem Buch über die Geschichte der Arbeitslosigkeit in Westdeutschland und den öffentlichen Umgang damit erwähnt hatte. Aber seht selbst:

Unkenrufe 1978: Auffallende Ähnlichkeit

Im Jahre 1978, fünf Jahre vor meiner Geburt, hatte der SPIEGEL nicht nur ganz Ähnliches vorausgesagt, sondern die Story auch beinahe identisch betitelt und visualisiert. Auch damals wurde ein Mensch von einem Roboter „aus den Angeln gehoben“:

Coverbild DER SPIEGEL 17. April 1978: "Die Computer Revolution - Fortschritt macht arbeitslos"
Coverbild DER SPIEGEL 17. April 1978: „Die Computer Revolution – Fortschritt macht arbeitslos“

 

Inhalt und Tonlage der beiden Artikel ähneln sich ebenfalls sehr. Beides Mal geht es darum, dass technischer Fortschritt menschliche Arbeit überflüssig machen würde. Im Artikel von 2016 sind es vor allem Digitalisierung und künstliche Intelligenz, die als Bedrohung für die Arbeitsplätze der Menschen ausgemacht werden:

 

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche, und sie hat das Potenzial, den Bedarf an menschlicher Arbeit auf breiter Front zu dezimieren.DER SPIEGEL 36 / 2016

 

Weiter wird dann ausgeführt, dass zwar nicht alle Berufszweige wegrationalisiert würden, aber in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren „die Berufe von 42 Prozent der Erwerbstätigen“ (18 Millionen Menschen) von Automatisierung bedroht seien, darunter die Jobs von Büroangestellten, im Verkauf, in der Gastronomie, bei den Zustelldiensten und so weiter. In den 1970er Jahren wurden die „Feinde“ menschlicher Arbeit nur etwas anders benannt. Damals ging es um „Robotorisierung“ und die „Mikrochip-Revolution„:

 

Unaufhaltsam setzt sich die „dritte technische Revolution“ durch: Elektronische Mini-Bausteine haben in der Elektroindustrie, aber auch in anderen BRanchen wie dem Werkzeugmaschinenbau und der Autoproduktion für neue hochrationelle Fertigungsverfahren gesorgt. Folge: Hunderttausende Arbeitsplätze gehen verloren.DER SPIEGEL 51 / 1976

 

Und mit Blick auf Arbeiter der Firma Siemens hieß es ähnlich apokalyptisch wie im aktuellen Artikel: „am Ende werden nur noch 40 Prozent gebraucht“.

Wenig ist dran an der These vom „Ende der Arbeit“ durch technischen Fortschritt

„Fortschritt macht arbeitslos“ war also schon 1978 die Voraussage nicht nur des SPIEGELs, sondern auch vieler Soziologen und Arbeitsmarktforscher – und damals wie heute war die These falsch. Seit 1978 ist weder die Arbeit noch die bzeahlte Erwerbsarbeit ausgegangen. Im Gegenteil, heute sind beispielsweise in Deutschland so viele Menschen erwerbstätig wie nie zuvor. Auch die Zahl der jährlich insgesamt geleisteten (bezahlten) Arbeitsstunden sinkt nicht: Das so genannte „Arbeitsvolumen“ ist im wiedervereinigten Deutschland mit leichten Schwankungen nahezu konstant geblieben. 1991 lag es bei 60 Milliarden Stunden, bis 2003 sank die Zahl auf 55 Milliarden und stieg bis 2015 wieder auf 59 Milliarden. Warum kehren dennoch periodisch die Unkenrufe vom „Ende der Arbeit“ wieder?

Zwei Thesen zur Erklärung der Untergangsstimmung

Zwei Thesen würde ich als Erklärung anbieten. Einerseits könnte man es mit Medienlogik erklären: Panikmache ist ein Garant für gute Auflagen. Entscheidender scheint mir aber zu sein: Strukturwandel wird mit dem Niedergang der Arbeitswelt verwechselt. Dabei werden die Potentiale neuer, zum Zeitpunkt der Unkenrufe vielleicht noch gar nicht bekannter Branchen und Geschäftsmodelle im Vergleich zum in der Gegenwart sichtbaren Niedergang einzelner (!) Branchen so gut wie immer unterschätzt. Die Liste von Berufsbildern, von denen man 1978 noch nicht einmal ahnte, dass man damit sein Geld verdienen könnte, ist jedenfalls lang: Sie reicht von der „SEO-Managerin“ (Suchmaschinen-Optimiererin) über den „Investmentfondskaufmann“ (seit 2003 ein anerkannter Ausbildungsberuf) und der Bioinformatikerin bis hin zum „Gebäudeenergieberater“. Und auch die mit dem gesellschaftlichen Wandel von Lebensmodellen zusammenhängende Entwicklung, dass massenhaft neue qualifizierte (und demnächst akademisierte) Erzieher/-innen-Jobs in Kitas entstanden, sagte wohl kaum jemand voraus. Hinzu kommt, dass die allermeisten Berufsbilder entgegen der pessimistischen Voraussicht keinesfalls verloren gingen, sondern sich laufend inhaltlich modernisieren. Angesichts dieser Fakten scheint an der These „Arbeitslosigkeit durch Fortschritt“ wenig dran zu sein.

Fazit

Die Arbeitswelt wandelt sich, aber sie endet nicht.

 

Weitere Lektüre

Wer sich genauer darüber informieren möchte, wie Medien, Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in den 1970er und 1980er Jahren die Zukunft der Arbeitswelt und der Arbeitslosigkeit in (West-)Deutschland voraussagten, dem darf ich an dieser Stelle mein Buch zur Arbeitslosigkeit in Deutschland und dem öffentlichen Umgang damit empfehlen. Ihr findet es in so ziemlich jeder Uni-Bibliothek sowie natürlich im Handel und als ebook. Ich persönlich finde es immer wieder spannend, die Voraussagen von damals über den technischen Fortschritt, aber beispielsweise auch über die (vermeintliche) „Akademikerflut“ mit den Debatten und Realitäten von heute zu vergleichen.

Klaus Neumann: Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik. Öffentlicher Umgang mit einem Dauerproblem. Tectum Verlag, Marburg 2013. ISBN: 9783828831865

Klaus-Neumann-Arbeitslosigkeit-Buch

Dr. Klaus Neumann ist Historiker in Berlin und Autor des Blogs DigitalHammer.net. Er interessiert sich besonders für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Arbeitswelt. Er hat unter anderem Bücher zur Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland (2013) und zur „Freiheit am Arbeitsplatz“ (2015) veröffentlicht.

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